
EZB ortet rätselhafte Diskrepanz zwischen Besitzern und Nutzern
Die Europäische Zentralbank EZB führte – auf Basis von Mikrodaten aus der Zahlungsumfrage 2022, die rund 40.000 Erwachsene in 17 Ländern des Euroraums erfasst – eine Studie zum Besitz und zur Nutzung von Krypto-Vermögenswerten durch. Im Ergebnis stellt die EZB fest, dass Besitzer von Krypto-Assets und die Nischenuntergruppe der Zahler mit Krypto-Assets unterschiedliche Profile aufweisen.
Rätselhafte Diskrepanz
Das rasante Wachstum von Krypto-Assets werfe laut EZB zentrale Fragen für politische Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit auf. Die Studie zeige eine erhebliche und rätselhafte Diskrepanz zwischen der steigenden Zahl von Menschen, die Krypto-Vermögenswerte besitzen, und der sehr geringen Zahl derer, die diese tatsächlich für alltägliche Zahlungen nutzen. Während sich diese Kluft teilweise durch die geringe Akzeptanz bei Händlern erklären lässt, wurde untersucht, ob sie auch durch grundlegend unterschiedliche Motivationen der Nutzer bedingt ist.
Besitzer von Krypto-Assets
Besitzer von Kryptowährungen und Nutzer von Kryptowährungen für Zahlungen sind zwei grundlegend unterschiedliche Gruppen. Der typische Krypto-Besitzer (jünger, männlich und finanziell aktiv) weist laut EZB-Studie ein Investorenprofil aus einer Mischung verschiedener Präferenzen auf. Er ist finanziell und technologisch versiert, schätzt die Geschwindigkeit und den Komfort digitaler Zahlungen, neigt aber gleichzeitig stärker als der Durchschnittsbürger dazu, vorsorgliche Bargeldreserven zu halten und die Privatsphäre (Anonymität) von traditionellem Bargeld zu schätzen.
Nutzer von Krypto-Assets
Im Gegensatz dazu weist die viel kleinere Gruppe von Personen, die Kryptowährungen für Zahlungen nutzen, ein bargeldorientiertes Profil auf. Sie sind nicht in erster Linie durch die Geschwindigkeit oder den Komfort digitaler Zahlungen motiviert. Stattdessen legen sie großen Wert auf bargeldähnliche Eigenschaften wie Privatsphäre und Benutzerfreundlichkeit, woraus die EZB schließt, dass Krypto-Zahler nach einem digitalen Instrument suchen, welches die Kernmerkmale von physischem Bargeld nachbildet.
Koexistenz und Umkehr
Entgegen der Ansicht, dass Early Adopters von digitalen Technologien traditionelles Papiergeld ablehnen, deuten die Ergebnisse darauf hin, dass spekulative Kryptowährungen und Bargeld als sicherer Hafen in normalen Zeiten nebeneinander bestehen. Wenn aber die Unsicherheit steigt, flüchten Haushalte in die Sicherheit und unmittelbare Verwendbarkeit von traditionellem Bargeld.
Diese Erkenntnis werde laut EZB durch eine makroökonomische Analyse untermauert, die zeigt, dass zu Beginn der COVID19-Pandemie die Nachfrage nach Euro-Banknoten sprunghaft anstieg, während die Märkte für Krypto-Vermögenswerte einbrachen.
Kein Wertspeicher
Die EZB erkennt erhebliche politische Implikationen für den Euroraum. Die Ergebnisse tragen unter anderem dazu bei, das „Paradoxon der Banknoten“ zu erklären. Sie lassen seitens der EZB auch weitere Zweifel an der Einstufung von Krypto-Vermögenswerten als „Währungen“ im wirtschaftlichen Sinne aufkommen. Da das Nutzen für Zahlungen auf weniger als 1,5 % der Bevölkerung (und einen kleinen Bruchteil ihrer Transaktionen) beschränkt ist und ihr Wert in Krisenzeiten nicht stabil bleibt, fehlen ihnen derzeit sowohl die als Tauschmittel als auch die als Wertspeicher erforderlichen Eigenschaften, die von Geld verlangt werden.
Dieser Beitrag ist erstmals im Börsen-Kurier Nr. 25 vom 19. Juni 2026 erschienen.

