
Lissabon: Von pittoresk bis überfüllt
Olá, Lisboa! In der strahlenden Septembersonne begrüßt uns die Hauptstadt Portugals. Auf der iberischen Halbinsel an der Flussmündung des Tejo liegt Lissabon nahe der Atlantikküste im äußersten Südwesten Europas. Pittoresk und sehenswert, aber leider auch Opfer des Übertourismus. Hügelig und uneben sind Straßen und Wege, gutes Schuhwerk ist ratsam, Damen verzichten besser auf High Heels.
Als größte Stadt Portugals ist Lissabon mit dem Regierungssitz und mehreren Universitäten das politische, kulturelle und wirtschaftliche Zentrum des Landes. Lissabon erlitt von den 1980er-Jahren bis Mitte der 2000er-Jahre einen deutlichen Bevölkerungsrückgang. Lebten 1980 noch etwa 800.000 Menschen in Lissabon, waren es 2005 nur mehr gut 500.000. Heute hat sich die Einwohnerzahl bei etwa 550.000 stabilisiert.
Unglück der Standseilbahn
Lissabon erlangte im Sommer 2025 traurige Berühmtheit. Anfang September entgleiste die historische Standseilbahn Elevador da Glória. Dieses tragische Unglück kostete 16 Menschen das Leben. Was sich in den letzten Sekunden abgespielt haben muss, wird erst bewusst, wenn man vom oberen Bahnhof São Pedro Alcântara in der Oberstadt die gepflasterte Schienenstraße Calçada da Glória nach unten blickt. Auf nur 276 Metern Fahrtstrecke – davon die ersten etwa 200 schnurgerade – geht es 45 Höhenmeter nach unten, das entspricht einem durchschnittlichen Gefälle von über 16 Prozent. In der Rechtsbiegung vor der Talstation entgleiste der ungebremste Waggon und prallte gegen die Hausmauer.
Staufrei und schnell mit der U-Bahn
Das Lissaboner U-Bahn-Netz ist gut, für Städtereisende jedenfalls ausreichend ausgebaut. Vier Linien, die nach Farben benannt sind (Azul – blau, Amarela – gelb, Verde – grün, Vermelha – rot), erstrecken sich auf eine Gesamtlänge von 46 Kilometern mit 56 Stationen. Damit ist das Lissaboner U-Bahnnetz etwa halb so groß wie jenes von Wien (83 Kilometer, 109 Stationen). Mit einer Fläche von 100 Quadratkilometern ist Lissabon aber auch nur ca. ein Viertel so groß wie Wien.
Bereits vor Reiseantritt kann ein Drei-Tages-Ticket online gekauft werden. Inkludiert sind alle öffentlichen Verkehrsmittel außer Fähren. Dazu kommen Ermäßigungen bei vielen Attraktionen. Gleich nach der Ankunft am Flughafen wird die Zahlungsbestätigung gegen die Lisboa Card getauscht. Diese gilt ab dem ersten Entwerten 36 Stunden. Am besten nutzt man sie gleich für die Fahrt mit der Linha Vermelha (Rote U-Bahnlinie) vom Flughafen in die nur 7 Kilometer entfernte Innenstadt. Garantiert staufrei, denn auch in Lissabon staut es sich in der Rushhour auf den Straßen.
Historische Altstadt

Die Avenida da Liberdade, die von Dependancen sämtlicher Luxuslabels gesäumte, prächtige Allee, führt vom Parque Eduardo VII geradeaus in das historische Zentrum Baixa. Dieser verkehrsberuhigte Stadtteil besticht durch seine im strengen Raster angelegten Häuser und Straßen. Durch den Arco Triunfal da Rua Augusta, einem Triumphbogen mit Aussichtsplattform, gelangen wir auf den großen Praça do Comércio, den 170 mal 170 Meter großen Platz des Handels, direkt am Flussufer.
Geschäfte aller bekannten Marken und Restaurants laden zum Bummeln und Verweilen ein. Leider zeigt sich hier, dass Lissabon am Übertourismus leidet. Echtes portugiesisches Flair kommt zwischen den Menschenmassen, den Pizza- und Burgerlokalen sowie Markenartikel- und Touristen-Shops leider nicht auf.

Für Naschkatzen und Genießer

Ein paar Highlights finden wir trotzdem, zum Beispiel den weltberühmten, 1902 fertiggestellten Elevador de Santa Justa. Dieser öffentliche Personenaufzug, der sich in einer Häuserschlucht quasi versteckt, verbindet Baixa mit dem höhergelegenen Stadtteil Chiado. Man kann sich also ein paar Höhenmeter ersparen, von denen man in Lissabon ohnehin sehr viele zu bewältigen hat.
Empfehlenswert ist auch eine Pause im Castro, dem Atelier de Pastéis de Nata. Pastéis oder Pastel de Nata sind kleine, mit (Vanille-)Creme gefüllte Blätterteigtörtchen, die hier frisch hinter der Auslagenscheibe gebacken werden. Etwas Zimt über die noch warmen Törtchen und ein Espresso dazu verschmelzen zu einem süßen Traum.

Steil bergauf zum Castelo
Gestärkt machen wir uns durch Alfama, dem alten Lissabon, auf den Weg zum Castelo de São Jorge, der Festungsanlage, die über der Altstadt thront. Der teilweise recht steile Weg lohnt sich, immer wieder laden kleine, traditionelle Gaststätten, in denen sich Einheimische ebenso wie Besucher treffen, auf ein Glas Wein und einen Snack ein. Aber Achtung, auch in den engsten, kurvigen Gassen fahren Autos.
Mit der Lisboa Card erhält man kostenlosen Eintritt hinter die steinernen Mauern der königlichen Residenz zu einem der höchsten und schönsten Aussichtspunkte Lissabons. Manche der Mauern können bestiegen werden, dazu sollte man aber jedenfalls trittsicher und schwindelfrei sein, denn die Absicherungen sind teils gefährlich niedrig. Beim Schlendern durch den Park des alten Palastes begegnen uns freilaufende Pfaue.

Sensationelle Fahrt mit der alten Tram

Wieder hinunter ins historische Zentrum fahren wir mit einer der historischen Straßenbahnen, vorbei an der Sé de Lisboa, der Kathedrale von Lissabon. Eine Fahrt mit der Linie 28E ist ein echtes Erlebnis. Die originalen Wagen aus den 1930er Jahren sind zurecht eine (hoch frequentierte) Touristenattraktion. Der nur etwa 30 Fahrgäste fassende hölzerne Aufbau und das Fahrgestell mit unglaublich kurzem Radstand erlauben es der Tram auch durch die engsten Gassen und Kurven zu fahren. Oftmals so knapp an Hauswänden vorbei, dass der Hinweis „Nichts hinausstrecken“ sehr ernst genommen werden sollte.
Dabei überwindet die Linie 28E Steigungen von bis zu 13,5 % auf teils abenteuerlich verschränkten (teils einspurigen) Schienenwegen. Dank dieser Fähigkeiten können die alten Straßenbahnen nicht durch moderne Trams ersetzt werden und sind bis heute unverzichtbar für den öffentlichen Nahverkehr.
Wer unbedingt möchte, kann bei der Kathedrale oder der Station Rua da Conceição aussteigen und hinunter zum Hafen schlendern. Oft liegen dort mehrere, riesige Kreuzfahrtschiffe hintereinander. Diese schwimmenden Gemeindebauten ergießen tausende Kurzzeit-Besucher über die Altstadt und tragen so ihren Teil zum Übertourismus bei.
Kulinarisch ins Nachtleben gleiten
Lukullischer ist ein Besuch im Time Out Market Lisboa, einer Markthalle direkt an der Endstation Cais do Sodré der Linha Verde, die ringsum gesäumt ist von 26 Gastro-Ständen. Bei Selbstbedienung finden wir neben internationaler Küche auch traditionelle Speisen wie Bacalhau, eingesalzenem Kabeljau, in Italien bekannt als Baccalà. In der Mitte kredenzen acht Bars täglich von 10:00 Uhr bis Mitternacht Bier wie das einheimische Superbock, Cocktails, Wein und natürlich Porto Tonico, eine Mischung aus weißem Portwein und Tonic auf Eis, die sich hervorragend als Aperitif eignet.
Gegenüber der Markthalle liegt ein Fährhafen. Für günstige 1,50 Euro (weil nicht in der Lisboa Card inkludiert) geht es über die Flussmündung des Tejo vorbei an der 3,2 Kilometer langen Hängebrücke Ponte 25 de Abril, die in Nord-Süd-Richtung den Lissaboner Stadtteil Alcântara mit der Stadt Almada verbindet. Nach nur 15 Minuten legt die Fähre gegenüber in Cacilhas an, wo es gute Fischrestaurant gibt. Hier können auch das Museumsschiff Dom Fernando II e Glória und ein altes Militär-U-Boot besichtigt werden.

Gleich hinter der Markthalle befindet sich die Rua Nova do Carvalho, besser bekannt als Pink Street. Ihren Spitznamen verdankt die Pink Street der rosafarbenen Bodenlackierung, die aussieht wie ein pinker Teppich. Hier wurde das ehemalige Rotlichtviertel in einen hippen Szene-Treffpunkt mit Bars und Restaurants für junge und junggebliebene Nachschwärmer verwandelt.
Schlummertrunk am „Würstelstand“
Spät abends zurück auf der breiten Prachtstraße Avenida da Liberdade bieten sich die „portugiesischen Würstelstände“, die bis zwei Uhr morgens geöffnet haben, für einen Schlummertrunk an. Auch wenn diese Stände und ihre Schanigärten optisch eher billig wirken, offerieren die freundlichen Standler abseits vom Trubel der Altstadt für ein paar wenige Euro ein frisch gezapftes Superbock oder einen abendlichen Porto Tonico. Muito obrigado, Lisboa!
Dieser Reisebericht ist erstmals im Magazin risControl Nr 1 – 2026 erschienen.
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